Was wir wollen

Kiel von landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben. Auch seine Lage am Meer und die vielen Seen prägen den Charakter der Region. Doch obwohl Milchprodukte und Käse, Fleisch und Meeresfrüchte, Gemüse und Obst und Delikatessen im Großraum Kiel in großer Fülle angebaut und weiterverarbeitet werden, ernährt sich Kiel überwiegend mit Lebensmitteln, die weit gereist sind und nicht immer die Qualitäten haben, die uns und der Natur gut tun.

Die Globalisierung und die Konzentrationsprozesse in der Lebensmittelbranche erzeugen einen hohen wirtschaftlichen Druck auf die Landwirtschaft und das Nahrungsmittelhandwerk und kleine und mittelständische Produzenten. Die Ausbeutung der Böden, die Überfischung der Ostsee, belastetes Grundwasser und der Verlust an Artenvielfalt machen es dringend erforderlich, dass WIR ALLE Verantwortung für die Grundlagen unserer Ernährung übernehmen und die Zukunft gemeinsam gestalten.

Ernährungsräte, von denen in Deutschland, Europa und der Welt in den letzten Jahren immer mehr gegründet wurden, tragen dieser Tatsache Rechnung. Sie werden von BürgerInnen, UnternehmerInnen, Food-Aktivisten gegründet, um für ihre Region Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität sicherzustellen.

Auch in Kiel und um zu gibt es eine bunte Vielfalt an Akteuren die sich für eine zukunftsfähige Nahrungsmittelversorgung aktiv engagieren. Darunter:

  • Landwirtschaftliche Erzeuger, die naturverträglich anbauen, ihre Tiere gut behandeln und Händler, die hochwertige Produkte ab Hof, auf Wochenmärkten vermarkten.
  • BürgerInnen, die sich in Vereinen, an Schulen und Kindergärten, in Initiativen oder einfach nur als bewusste Verbraucherinnen dafür einsetzen, dass unsere Lebens-Mittel naturverträglich und nachhaltig hergestellt werden, gesund sind und dass sie naturverträglich und tierfreundlich hergestellt werden.
  • Großküchenbetreiber, Hotelliers, Köche, Restaurantbesitzer, Caterer, die ihren Gästen hochwertige und regionale Produkte bereits anbieten oder in Zukunft anbieten wollen
  • Stiftungen, Vereine, Organisationen und Einzelpersonen die sich für eine nachhaltige Landwirtschaft, eine nachhaltige Entwicklung der Region und eine nachhaltige Bodennutzung einsetzen.
  • Bäcker, Fleischer, Fischer, Obstbauern oder Käsereien, die aus der Region für die Region produzieren und vermarkten
  • Wissenschaftler und Startups die sich mit Nachhaltigkeit und Ernährung beschäftigen.

Der Ernährungsrat Kiel will die Plattform sein, auf der sich diese Akteure vernetzen und Strategien entwickeln, wie die Ernährung Kiels in Zukunft aussehen soll. Der Ernährungsrat will den Status Quo repräsentieren, Synergien erzeugen, Initiativen und Akteure unterstützen und das Thema in die Öffentlichkeit tragen und Anlaufstelle für alle sein, die sich in diesen Prozess einbringen wollen.

Unser Leitbild
Der Ernährungsrat Kiel ist eine offene Bewegung ohne formelle Mitgliedschaft. Zur Mitarbeit sind alle eingeladen, die Ernährung und Landwirtschaft in der Stadt und der Region verändern und nachhaltig gestalten wollen. Als Netzwerk, Denkfabrik und Aktionsplattform wollen wir Ernährungsdemokratie leben und fördern und zu einem sozial-ökologischen Wandel in der Landwirtschaft und Ernährung beitragen – vom Acker bis zum Teller inmitten der Landeshauptstadt Kiel und Umgebung.

Warum wollen wir einen Systemwechsel?
Die industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion befördern den Klimawandel, die Abholzung der Wälder, die Zerstörung der Böden, Wasserknappheit sowie -verschmutzung und den Verlust von Biodiversität mit Auswirkungen nicht nur in Deutschland und der Europäischen Union, sondern überall in der Welt. Wenige große Unternehmen der Agrarwirtschaft profitieren, während viele bäuerliche Betriebe und handwerkliche Verarbeiter aufgeben müssen. Über 800 Millionen Hungernde, mehr als eine Milliarde fehlernährte Menschen weltweit zeigen, dass das globale Ernährungssystem aus dem Ruder gelaufen ist.

Wo wollen wir hin?
In unserer Vision wird Kiel überwiegend durch bäuerliche Betriebe und Verarbeiter aus der Region mit lokal erzeugten, ökologisch angebauten Lebensmitteln versorgt. Eine regionale Lebensmittelversorgung schützt unsere Umwelt und die Natur, erhöht die Wertschöpfung in der Region und sichert die Existenz der Betriebe. In der regionalen Ernährungswirtschaft bestimmen nicht multinationale Konzerne den lokalen Lebensmittelhandel und das Lebensmittelhandwerk, sondern unterschiedlich große und kleine Akteure im direkten Austausch mit den Konsumenten. Es gibt vielfältige, individuell geprägte Einkaufsmöglichkeiten statt der industriell standardisierten Produktpalette großer Supermarktketten. Das vielseitige Angebot in Gastronomie und öffentlichen Einrichtungen spiegelt die regionale Lebensmittelvielfalt ebenso wider wie Kiels vielfältige Esskulturen und Ernährungsvorlieben. Gleichzeitig tragen die Konsumenten dazu bei, den kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben ihre Existenzgrundlage zu sichern und somit auch zum Erhalt der noch von bäuerlicher Landwirtschaft geprägten Kulturlandschaft in Schleswig-Holstein. Dabei gilt es, insbesondere solidarische Formen der ökologischen und regionalen Landwirtschaft zu entwickeln. Ausgeweitet werden sollte so ein Pakt in einem zweiten Schritt auch auf den Einzelhandel, um das regionale Angebot sichtbar in den Geschäften zu platzieren bzw. zu erhöhen. Konsumenten und auch Geschäfte geben Abnahmegarantien und erhalten dafür qualitativ hochwertige Ware aus der Region. Es ist eine win-win Situation für beide Seiten. Diese Kooperation ermöglicht den Landwirten ein sicheres und planbares Auskommen. Im Gegenzug erhalten Konsumenten und Geschäfte einen hochwertigen Ertrag durch Produkte, die typischerweise nach nachhaltigen Kriterien, regional, saisonal und vielfältig angebaut werden. Zusätzlich wird die regionale Wirtschaftskraft gestärkt, indem eine höhere Wertschöpfung in der Region verbleibt.
Eine Versorgung mit Lebensmitteln in der Region für die Region erfordert funktionierende Wertschöpfungskreisläufe und Infrastrukturen. Für Logistik und Weiterverarbeitung gibt es effiziente und ökologisch sinnvolle regionale Lösungen mit passender Technologie – auch für kleine Erzeuger und Händler. Die Bereitstellung von Entfaltungsräumen für das urbane Ernährungssystem, physisch wie partizipativ, sind ein wesentliches Anliegen in der Stadtplanung, so dass lokalen Infrastrukturen Vorrang gegenüber globalen Handels- und Verarbeitungsstrukturen eingeräumt wird. Der Ernährungsrat Kiel tritt mit dem Ziel an, diesen Wandel des Ernährungssystems aktiv voranzutreiben.

Die Aufgabe der Politik
Dafür, dass alle Menschen Zugang zu gutem und gesunden Essen aus der Region bekommen, bedarf es transparenter Preise, die Umweltschäden durch die jeweilige Herstellung von Lebensmitteln mit einbeziehen. Der Ernährungsrat betrachtet die Konsumenten - ebenso wie die Akteure der Lebensmittelproduktion - keinesfalls als allein verantwortlich. Vielmehr ist es Aufgabe der Politik, für die Rahmenbedingungen zu sorgen, die ein zukunftsfähiges, re-lokalisiertes Ernährungssystem ermöglichen. Die Politik ist gefordert, Formen des nachhaltigen Wirtschaftens zu fördern und Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen. Ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Ernährungssystem ist an die Umweltbedingungen der Region angepasst, erzeugt Lebensmittel ökologisch, schützt seine Lebensräume, unterlässt Überdüngung und vermeidet den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenbehandlungsmittel und minimiert den Einsatz fossiler Rohstoffe und wird dabei durch entsprechende politische Rahmenbedingungen unterstützt..

Wie setzt der Ernährungsrat seine Ziele um?
Der Ernährungsrat Kiel sucht mit den Menschen in der Region nach Lösungen für Probleme, identifiziert Chancen und entwickelt eine Vision insbesondere für ein lokales Ernährungssystem. Er organisiert wissenschaftliche und breitenwirksam angelegte Veranstaltungen und ggf. Kampagnen zur Förderung eines zukunftsfähigen urbanen
Ernährungssystems und dem Austausch und der Vernetzung zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, wissenschaftlichen Institutionen und staatlichen Stellen. Er betreibt Öffentlichkeitsarbeit zur Förderung des Wissens und allgemeinen Bewusstseins zur nachhaltige und gerechten Ernährungssysteme sowie ressourcenschonende, umwelt- und tierfreundliche Lebensführung und fördert eine nachhaltige, regionale Esskultur ggf. auch durch Begleitung und Beratung von Projekten, die einer umwelt- und tierfreundlichen Lebensmittelproduktion nachgehen oder unterstützt Personen, Gruppen und Initiativen, die aktiv für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem in der Region einsetzen.