Soviel müssten Lebensmittel eigentlich kosten

19. September 2018

Im Auftrag der Tollwood GmbH für Kultur- und Umweltaktivitäten und der Schweisfurth Stiftung haben Wissenschaftler der Universität Augsburg den Preis für Lebensmittel berechnet, den wir zahlen müssten, wenn man die Folgekosten ihrer Herstellung für uns alle und die Umwelt einpreisen würde. Die Studie berechnet die Kosten für uns alle aus, die mit den Stickstoff, Treibhausgas-Emissionen und dem verbunden sind. Das Ergenbis: Die höchsten Folgekosten sind mit der Produktion konventionell hergestellter Produkte tierischen Ursprungs verbunden. Die müssten eigentlich dreimal so teuer sein. Das wäre ein Aufschlag von 196 % Aufschlag auf die Erzeugerpreise. Die zweithöchsten Aufschläge müssten für konventionell hergestellte Milchprodukte (96 %) und die niedrigsten externen Kosten entstehen für die Produktion von Bio-Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs (6 %). Der hohe Aufschlag bei der Produktion tierischer Lebensmittel hängt mit der energieintensive Aufzucht der Nutztiere zusammen, dem Futtermittelanbau, der Beheizung und Belüftung der Ställe sowie der Metabolismus der Tiere.

Beispiel Milchprodukte: Der wahre Preis

Der Ladenpreis konventioneller Milcherzeugnisse müsste etwa 30 % teurer sein. Der von biologisch erzeugten Produkten nur etwa 10 %. Denn in den aktuellen Preis sind die Folgekosten die mit dem Ausstoß von Treibhaus-Emissionen, der Energieverbrauch und der Einsatz von Stickstoffdünger verbunden sind, nicht eingerechnet. Der Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger beim Pflanzenanbau und der weitgehende Verzicht auf industriell erzeugtes Kraftfutter bei der Nutztierhaltung erklären die deutlich niedrigeren Preisaufschlägen für ökologisch erzeugte Produkte.

Dr. Tobias Gaugler von der Universität Augsburg fasst zusammen: „Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf. Die hiermit verbundene Preis- und Marktverzerrung stellt – ökonomisch gesprochen – eine Form von Marktversagen dar, der es mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu begegnen gilt. Ausgehend von unseren Ergebnissen und dem ‚polluter pays principle‘ der UN folgend müssten insbesondere Produkte aus konventioneller Nutztierhaltung deutlich mehr kosten, also dies aktuell in Deutschland der Fall ist.“

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Kostenwahrheit. Sie ist die erste Studie dieser Art für Deutschland. Und man muss davon ausgehen, dass die tatsächliche Preisdifferenz sogar noch erheblich größer ist. Denn sie berücksichtigt noch nicht die Kosten, die mit Antibiotikaresistenzen einhergehen und dem Einsatz von Pestiziden. Tomas Brückmann, Pestizid-Experte der GRÜNEN LIGA dazu: „Die gesellschaftlichen Folgekosten durch den immensen Einsatz von Pestiziden sind komplex und sicher hoch. Hier besteht Forschungsbedarf, um diese Zahlen den gesellschaftlichen Entscheidungsträgern alsbald zur Verfügung zu stellen.“
Dr. Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung, kommentiert die Studie: „Die Preise sagen uns nicht die Wahrheit. Ökologische und soziale Kosten zahlt die Gemeinschaft und nicht der Konsument. Um Anreize für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und nachhaltigen Konsum gestalten zu können, die auf dem Respekt vor dem Lebendigen beruhen, brauchen wir die Transparenz über die wahren Kosten, die bei der Erzeugung für die Allgemeinheit entstehen. Für ein zweites Preisschild am Produkt benötigen wir die Wissenschaft, die ermittelt, was es wirklich kosten müsste. Dafür setzt sich die Schweisfurth Stiftung ein.“
Stephanie Weigel, Bereichsleitung Mensch und Umwelt der Tollwood GmbH, ergänzt: „Die Politik muss umgehend Maßnahmen ergreifen und diese extreme Preis- und Marktverzerrung abstellen, die vor allem die Bio-Lebensmittel am Markt benachteiligt. Es kann nicht angehen, dass die Kosten für ökologische Schäden bei der Lebensmittelproduktion nicht eingepreist sind und stattdessen von der Allgemeinheit bezahlt werden müssen. So werden die Verbraucher an der Nase herumgeführt. Wenn die Lebensmittel im Supermarkt mit dem wahren Preis ausgezeichnet wären, würden viel mehr Menschen zu Bio-Produkten greifen, die dann kaum mehr teurer wären als konventionell erzeugte.“
Bereits 2016 hatte die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Märkte für Menschen“ der Universität Augsburg im Auftrag des von Tollwood initiierten Aktionsbündnisses „Artgerechtes München“ eine Studie erstellt, die die Folgekosten aufgrund von Antibiotikaresistenzen und Nitrat-/Stickstoffbelastung berechnet hatte.

Hier geht es zur Pressemitteilung: https://www.tollwood.de/presse/how-much-is-the-dish-was-kosten-uns-lebensmittel-wirklich/